Die Darstellung der Geschichte der Traditionellen Europäischen Medizin würde für sich allein einige Bücher füllen, und auch dann könnte man noch keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Wir möchten im folgenden also nur versuchen, einen kleinen Überblick über die wichtigsten Heilkundigen und ihren philosophisch-medizinischen Hintergrund zu schaffen.
Die Traditionelle Europäische Medizin (TEM©) ist weder das älteste noch das vollständigste medizinische System der Welt. Wenn in dieser Arbeit die TEM im Mittelpunkt steht, dann deshalb, weil im kollektiven geistigen und körperlichen Gedächtnis des abendländischen Menschen jene Heilmittel tief verankert sind, die es nun gilt, wieder in den Mittelpunkt einer wirkungsvollen Therapie zu stellen. Tatsächlich gab es im Lauf der Geschichte einen häufigen Austausch und eine gegenseitige Beeinflussungen der verschiedenen traditionellen medizinischen Systeme. Auch in der Anwendung sind zahlreiche Parallelen zwischen den Heilkünsten zu entdecken, seien es Heilpflanzen, Kälte- und Wärmeanwendungen, Reinigungs- oder Bewegungstherapien (Runentänze, Tai Chi, Eurythmie).
Das verbindende Element aller traditionellen Heilmethoden besteht in erster Linie darin, dass das Lebewesen im Mittelpunkt steht, also der ganze Mensch, die ganze Pflanze, und nicht nur einzelne Organe oder Teile. Diese Einheit umfasst auch die seelischen Aspekte.
Alle traditionellen Systeme sind sich außerdem darin einig, Krankheit als ein verlorenes seelisch-körperliches Gleichgewicht zu sehen.
"Alle Erkenntnis der Welt, die wir auf Erden besitzen, stammt nur aus dem Lichte der Natur. Dieses Licht der Natur reicht vom Sichtbaren zum Unsichtbaren und ist hier so wunderbar wie dort. Im Lichte der Natur ist das Unsichtbare sichtbar." (Paracelsus)
Auch die moderne Wissenschaft spricht zunehmend von geistigen, seelischen oder energetischen Hintergründen. Sie sind alle "unsichtbar" und daher nur in ihren Erscheinungsformen "im Lichte der Natur" sichtbar. Ausschließlich das sichtbare Ergebnis, zum Beispiel im kranken Körper, zu behandeln geht am Ursprung des Leidens vorbei.
Alle Traditionellen Medizinen legen Wert auf gute Lebensführung und gesundes Essen für die Gesunderhaltung.
Abweichungen vom Zustand der Gesundheit wurden mit pflanzlichen (70 %), mineralischen und tierischen Heilmitteln behoben, sowie mit manuellen und Bewegungstherapien. Komplexe und schwierige Zubereitungen, wie in der TEM, in Alchemie und Spagyrik, wie in der Traditionellen Tibetischen Medizin in der Juwelenpille, die auch heute noch mit modernen Labormethoden nicht gelöst werden können, haben nie zu einer Synthetisierung der Heilmittel geführt.
Im Vordergrund stehen der lebendige Mensch und das lebendige Heilmittel.
Erde, Steine, Pflanzen
Der menschliche Organismus "versteht" jenen der Pflanze und kann diesen als Heilmittel nutzen. Um geheilt werden zu können (DNS-Reparatur), brauchen wir ein Heilmittel, das die DNS versteht. DNS redet die Eiweißsprache, wie die Pflanzen. Die Pflanze wiederum bekommt alle Informationen aus der Erde und dem Stein und aus dem Kosmos. Die Pflanze ist das einzige Lebewesen, das die aus dem Kosmos strahlende Energie (besonders Sonnenenergie, die mittels Chlorophyll aufgenommen und verwandelt werden kann) sowie anorganisches Material (Luft, Wasser, Mineralien, Oligoelemente) in organisches Material umwandeln kann (Zucker, Fette, Proteine, Vitamine und so weiter). Erst dadurch wird das Leben von Tier und Mensch ermöglicht. Pflanzen heilen also nicht nur, sie ermöglichen uns das Leben. Wir neigen oft dazu, die wichtige Rolle der Pflanze in unserem täglichen Leben (Essen, Kleidung, Wohnen) zu vergessen " Atemluft, Brot, Gemüse, Früchte, Gewürze, Wein, Bier, Fruchtsäfte, Kaffee, Tee, Tabak, Schokolade, Holz, Gummi, Baumwolle " all das und noch vieles mehr ist den Pflanzen zu verdanken.
- Die Grundlage für Tier- und Menschenleben auf unserem Planeten ist die Pflanzenwelt. Pflanzen erzeugen die lebenswichtige Atemluft; sie sind für alle Reinigungsprozesse der Natur unentbehrlich; sie stellen für Mensch und Tier das Hauptnahrungsmittel und dadurch die Basis für alle weiteren Lebensmittel dar.
- Die Grundlage für das Pflanzenleben ist die Erde, das Reich der Minerale, Metalle und Spurenelemente.
Wesentlich ist, dass die Heilpflanze nicht aus einer chemisch definierten Wirksubstanz besteht, sondern aus einem Gemisch von vielen verschiedenen Wirkstoffen, die sich gegenseitig unterstützen und ausgleichen, so wie auch der Mensch ein wunderbares und hoch kompliziertes Gleichgewicht verschiedener Kräfte darstellt. Die Pflanze besteht nicht nur aus einem Körper, also den Inhaltsstoffen, sondern auch aus der Lebenskraft. Die Pflanze gibt die in jeder Zelle gespeicherte Information über ein gesundes Leben in dieser Welt weiter.
Schon die alten Ärzte wussten, dass es für den Heilerfolg wichtig ist, die Pflanze auch schmecken und riechen zu können.
Drei Grundprinzipien der Pflanzenheilkunde
Wirkstoff: Die materiellen Prinzipien der Heilkraft einer Pflanze
Information: Das immaterielle Wirkprinzip, das in den einzelnen Zubereitungen zum Ausdruck kommt
Wesen: Das energetische Prinzip einer Pflanze in Geschmack und Aroma
Durch diese ganzheitliche Wirkungsweise können Pflanzen
Symptome rasch lindern
die Selbstheilungskräfte anregen
die Organe stärken
seelische Vorgänge unterstützen
Das Problem jeder medizinischen Behandlung liegt darin, dass wir einen sichtbaren Körper behandeln, sichtbare Symptome, aber im Hintergrund stehen unsichtbare Dinge, über die wir nichts wissen und die nur über die Natur sichtbar werden.
Energie ist unsichtbar, Geist ist unsichtbar, Leben ist unsichtbar. Das Unsichtbare ist für uns wichtiger als das Sichtbare. Alle traditionellen Medizinen haben sich sehr stark um das Unsichtbare gekümmert.
"Das ist kein Arzt, der das Unsichtbare nicht weiß, das keinen Namen trägt, keine Materie hat und doch seine Wirkung. Nicht der Corpus ist die Arznei, das wahre Arkanum ist unsichtbar." (Paracelsus)
Hermes Trismegistos
Die Traditionelle Europäische Medizin ist sowohl Natur- als auch Geisteswissenschaft und mit der Geschichte der Hermetik untrennbar verbunden.
Das Wissen um das Wesen der Natur vereinte Chemie und Alchimie, Physik und Metaphysik, Astronomie und Astrologie, Psychologie und Magie.
Die hermetischen Lehren gehen auf Hermes Trismegistos ("der dreimal Größte") zurück. Hermes Trismegistos war der griechische Name des ägyptischen Gottes Thot, der in der Spätantike mit Hermes, dem Götterboten, Sohn des Zeus und der Maia, gleichgesetzt wurde. Hermes Trismegistos soll die hermetischen Schriften (Corpus Hermeticum) verfasst haben, deren Zentrum die "Tabula Smaragdina" ist, auf der die sieben hermetischen Lehrsätze geschrieben stehen.
Die Sieben Lehrsätze
Das All ist Geist, das Universum ist geistig.
Allem Existierenden liegt eine geistige Kraft zu Grunde.
Wie oben so unten, wie unten so oben.
Wie im Großen, so im Kleinen;
Wie im Kleinen, so im Großen.
Nichts ist in Ruhe, alles bewegt sich,
alles ist in Schwingung.
Alles hat sein Paar von Gegensätzlichkeiten;
Gegensätze sind identisch in ihrer Wesensart,
nur verschieden im Grad; Extreme berühren sich;
alle Wahrheiten sind nur halbe Wahrheiten;
Alles fließt aus und ein, alles hat seine Gezeiten.
Alle Dinge steigen und fallen,
das Schwingen des Pendels zeigt sich in allem,
das Maß des Schwungs nach rechts
ist das Maß des Schwungs nach links.
Jede Ursache hat ihre Wirkung,
jede Wirkung ihre Ursache; alles geschieht gesetzmäßig.
Zufall ist nur ein Name für ein unbekanntes Gesetz.
Geschlecht ist in allem,
alles hat männliche und weibliche Prinzipien,
Geschlecht offenbart sich in allen Ebenen.
Ob Hermes Trismegistos tatsächlich jemals auf Erden gelebt und geschrieben hat, ist mehr als umstritten. Wahrscheinlich stammen die meisten Texte des Corpus Hermeticum aus der Spätantike und teilweise aus dem Mittelalter. Das ändert allerdings nichts an ihrer philosophischen Bedeutung und an ihrem Einfluss auf die Geschichte des abendländischen Denkens. Hermes Trismegistos beeinflusste nicht nur Philosophie (Neuplatonismus) und Medizin (Paracelsus), sondern auch die Alchemie, die christliche Gnosis, die Freimaurer sowie die Theosophen und Anthroposophen des 19. und 20. Jahrhunderts.
Es gibt zahlreiche Interpretationen der 7 Lehrsätze, die im folgenden nur angeschnitten werden sollen:
1. Geist
Alles ist Geist. Der Geist herrscht über die Materie.
2. Analogien
Wie oben, so unten. Wie unten, so oben. Wie innen, so außen. Wie außen, so innen. Wie im Großen, so im Kleinen. Auf allen Ebenen des Seins gibt es Entsprechungen.
3. Rhythmus
Alles fließt, alles ist in rhythmischer Bewegung. Stillstand bedeutet Tod. Der Rhythmus der Bewegung ist ausgleichend.
4. Harmonie
Jede Medaille hat zwei Seiten. Alles strebt nach Gleichgewicht und Harmonie. Harmonie ist Liebe.
5. Resonanz
"Gleich und gleich gesellt sich gern". Ungleiches stößt einander ab.
6. Ursache und Wirkung
Jede Ursache hat eine Wirkung und jede Wirkung hat eine Ursache. Es gibt weder Sünde noch Glück noch Zufall.
7. Polarität
Geschlechtlichkeit ist überall. Alles ist weiblich und männlich, alles besitzt zwei Seiten, zwei Pole, deren Einheit durch Anziehung (Liebe) entsteht.
Von Apoll bis Galen: Griechische Medizin
Meist wird Hippokrates als Vater der modernen europäischen Medizin bezeichnet, also einer Medizin, die sich als von Religion und Magie losgelöste Wissenschaft verstand. Doch schon lange vor ihm haben die Naturphilosophen ebenfalls ein eigenständiges medizinisches Weltbild gehabt. Am bekanntesten ist zweifellos Pythagoras, der sowohl als Mathematiker als auch als Mediziner Ruhm genoss. Um 570 vor Christus auf der schönen Insel Samos geboren, etabliert er die Lehre der 4 Elemente, die man in der Natur und im menschlichen Körper findet: Wasser, Feuer, Erde und Luft. Seinen Anhängern galt er als Reinkarnation des göttlichen Apoll.
Es folgten Thales von Milet, Alkmeon, der die Theorie der vier "humores" lehrte, Heraklit von Ephesos und Demokrit, der eine Einteilung der Medikamente vornahm.
Hippokrates kam gegen 460 v. Chr. auf der Insel Kos zur Welt. Der Legende nach ordinierte er unter der Platane am Hauptplatz von Kos. Hippokrates stellte als erster die Untersuchung des Patienten und das Gespräch mit ihm in den Mittelpunkt. Außer den bekannten Praktiken wie Aderlass und Reinigung durch Brech- und Abführmittel praktizierte er auch die Chirurgie. Seine Arzneien bestanden meist aus einem Gemisch von pflanzlichen, mineralischen und tierischen Materien. Als Arzt war ihm eine genaue Beschreibung der Symptome sowie eine spekulationslose Diagnostik wichtig.
Wie die Naturphilosophen vertrat er die Elementenlehre. Feuer, Wasser, Erde und Luft wurden die Qualitäten heiß, kalt, trocken und feucht sowie die Körpersäfte Blut, Lymphe, gelbe und schwarze Galle zugeordnet. Die im Corpus Hippokratikum gesammelten Aphorismen wurden bis ins 18. Jahrhundert an den medizinischen Fakultäten gelehrt.
Schon Hippokrates dürfte den berühmten Hippokratischen Eid gebrochen haben, als er dem persischen König die Behandlung versagte, weil sein Land sich im Krieg mit Griechenland befand. Hippokrates starb im Jahr 377 vor Christus.
Hippokratischer Eid
Ich schwöre bei Apollon dem Arzt und bei Asklepios, Hygieia und Panakeia sowie unter Anrufung aller Götter und Göttinnen als Zeugen, dass ich nach Kräften und gemäß meinem Urteil diesen Eid und diesen Vertrag erfüllen werde:
Denjenigen, der mich diese Kunst gelehrt hat, werde ich meinen Eltern gleichstellen und das Leben mit ihm teilen; falls es nötig ist, werde ich ihn mitversorgen. Seine männlichen Nachkommen werde ich wie meine Brüder achten und sie ohne Honorar und ohne Vertrag diese Kunst lehren, wenn sie sie erlernen wollen. Mit Unterricht, Vorlesungen und allen übrigen Aspekten der Ausbildung werde ich meine eigenen Söhne, die Söhne meines Lehrers und diejenigen Schüler versorgen, die nach ärztlichem Brauch den Vertrag unterschrieben und den Eid abgelegt haben, aber sonst niemanden.
Die diätetischen Maßnahmen werde ich nach Kräften und gemäß meinem Urteil zum Nutzen der Kranken einsetzen, Schädigung und Unrecht aber ausschließen.
Ich werde niemandem, nicht einmal auf ausdrückliches Verlangen, ein tödliches Medikament geben, und ich werde auch keinen entsprechenden Rat erteilen; ebenso werde ich keiner Frau ein Abtreibungsmittel aushändigen.
Lauter und gewissenhaft werde ich mein Leben und meine Kunst bewahren.
Auf keinen Fall werde ich Blasensteinkranke operieren, sondern ich werde hier den Handwerkschirurgen Platz machen, die darin erfahren sind.
In wieviele Häuser ich auch kommen werde, zum Nutzen der Kranken will ich eintreten und mich von jedem vorsätzlichen Unrecht und jeder anderen Sittenlosigkeit fernhalten, auch von sexuellen Handlungen mit Frauen und Männern, sowohl Freien als auch Sklaven.
Über alles, was ich während oder außerhalb der Behandlung im Leben der Menschen sehe oder höre und das man nicht nach draußen tragen darf, werde ich schweigen und es geheimhalten.
Wenn ich diesen meinen Eid erfülle und ihn nicht antaste, so möge ich mein Leben und meine Kunst genießen, gerühmt bei allen Menschen für alle Zeiten; wenn ich ihn aber übertrete und meineidig werde, dann soll das Gegenteil davon geschehen.
(Deutsche Übersetzung von Axel W. Bauer)
Empedokles von Akragas (ca. 483 - 420 v. Chr.)
Empedokles war Philosoph, Wanderprediger und Arzt. Die Legende erzählt, dass er den Freitod wählte und sich in den Ätna stürzte.
Als Arzt vertrat er die Lehre, dass man nur heilen kann, wenn man die Natur erkennt, und zwar jene des Menschen und die ihn umgebende Natur.
Empedokles gilt als einer der ersten Vertreter der Elemente-Lehre, wonach Feuer, Luft, Erde und Wasser Ursprung aller Dinge sind: "Höre zuerst von den vier Grundwurzeln aller Dinge: Zeus, der Schimmernde, Hera, die Leben verleihende, und Hades und Nestis, die aus ihren Tränen sterblichen Quell entspringen lässt." Es gibt weder Entstehen noch Vergehen, sondern nur verschiedene Mischungsverhältnisse dieser vier Elemente, die von den Urkräften Liebe und Hass (Anziehung und Abstoßung) gesteuert werden.
Mit der Elementenlehre beeinflusste er Galenus aus Pergamon, Hippokrates und Aristoteles.
Platon (428-348 v. Chr.) analysiert in seinen Dialogen die Theorie der vier Elemente und Säfte, wobei er " wie später die Neuplatoniker " dem Pneuma die wichtigste Rolle zubilligt. Diese Lebensenergie haucht den Organen Bewegung ein und ist für Platon aus Feuer und Luft zusammengesetzt.
Aristoteles dagegen, geboren 384 v. Chr., kümmerte sich mehr um die Anatomie, wobei er beim Sezieren von Tieren zahlreiche Entdeckungen machte. Die Anatomen von Alexandria führten etwa 100 Jahre später dieses Werk fort, wobei sie auch menschliche Leichen sezierten und detaillierte Studien über das Nerven- und Blutsystem machten.
Die Ablöse Griechenlands durch das römische Reich als bestimmende europäische Macht führte dazu, dass zahlreichen griechische Ärzte sich in Rom niederließen.
Galenus von Pergamon (130 bis 199 nach Christus)
Galenus, auch Galienus, Galien oder Galen ("der Heitere") genannt, nach dem die Galenik, die Art der arzneilichen Zubereitung, benannt ist, hat die Elemente mit Pflanzen in Verbindung gebracht. Ein System mit polaren Begriffen wie bei den Chinesen (Yin/Yang, warm/kalt, trocken/feucht) entstand.
Als römischer Arzt griechischer Herkunft wirkte er im 1. Jahrhundert n. Chr. in Rom. Seine großen Erfolge dürften nicht nur seinem Wissen, sondern auch seiner Persönlichkeit zu verdanken gewesen sein, denn ähnlich wie Paracelsus war auch Galen ein streitbarer Geist, der Irrwege der Medizin und geldgierige Scharlatane geißelte. Neben Hippokrates war Galen der einflussreichste Arzt der Antike. Sein medizinisches System wurden bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts an den medizinischen Fakultäten gelehrt.
Aufgrund eines Traumes entschied sich Galen, dem Wunsch seines Vaters, aus ihm einen Staatsbeamten zu machen, auszuschlagen und Arzt zu werden. Er begab sich auf eine zwanzigjährige Studienreise, die u.a. nach Alexandria führte, wo die berühmteste Bibliothek der Antike mit 700.000 Bänden stand. Hier lernte er auch Anatomie und arbeitete zunächst als Gladiatorenarzt, wo vor allem seine chirurgischen Fähigkeiten gefragt waren. Er war dabei so erfolgreich, dass er bald eine eigene Praxis eröffnete, die von weither Patienten anzog. Dennoch schrieb Galen, dass ein Arzt es lernen müsse, "das Geld zu verabscheuen".
Währen der Regierungszeit des Kaisers Marc Aurel kam Galen nach Rom. Er wurde dort bald berühmt, auch durch seine Polemiken gegen seine Kollegenschaft, die sich extrem auf Fachgebiete spezialisiert hatte (es gab Handärzte, Fußärzte etc.). Seine Heilmittel besorgte er sich selber, weil er den Wurzelsammlern und Pharmakopolen nicht vertraute.
Galen war durch und durch ein Anhänger des Hippokrates. Er vertrat die Lehre von den vier Elementen des Empedokles und ihre vier Eigenschaften sowie jene der "Fähigkeiten" der einzelnen Organe: anziehende, zurückhaltende, umformende, ausstoßende. Galen berief sich auf Hippokrates´ Säflelehre, wonach Gesundheit der Ausgleich zwischen den vier Eigenschaften (warm, kalt, trocken und feucht) sei.
Galens Werke füllen einige Bände. Die erste und berühmteste Druckfassung
"Galeni Omnia Quae Extant Opera" (Venedig 1490), vom Humanisten Diomedes Bonardus aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzt, existiert weltweit nur noch in einigen Dutzend Exemplaren. Eines davon liegt auf der Klosterbibliothek des Stiftes Admont (Steiermark).
Galens medizinisches System ist so umfassend, dass nur einige Punkte angeschnitten werden können: Er beschrieb zum Beispiel eine sehr detaillierte Pulslehre mit verschiedenen Phasen des Pulses (Kontraktion, innere Ruhephase, Dilatation, äußere Ruhephase), die sich je nach Jahreszeit, Klima, Alter, Temperatur, Geschlecht, Konstitution, Ernährung und Emotion verändern. Er unterscheidet an die 30 verschiedene Arten des Pulses, die zur Diagnose und Prognose beitragen.
Die Humorallehre (Lehre von den Körperflüssigkeiten) Galens besagt, dass wie bei Hippokrates das Gleichgewicht der Säfte (Humores) und Kräfte die Funktion des Organismus aufrecht erhalten. Die vier Elemente und ihre Qualitäten entsprechen den vier Körpersäften und ihren Qualitäten. Die vier Säfte werden jeweils in einem anderen Organ produziert und wechseln je nach Jahreszeit und Alter in ihrer Bedeutung. Unterschieden wird etwa zwischen Blut, Galle, schwarzer Galle und Schleim. (Sanguiniker: Blut, feucht und warm; Phlegmatiker: Schleim, feucht und kalt; Melancholiker: schwarze Galle, trocken und kalt; Choleriker: gelbe Galle, trocken und warm). Gesund ist der Mensch dann, wenn Körpersäfte und Pneuma (Lebensenergie) sich in einem harmonischen Gleichgewicht befinden.
Der aus dem Gleichgewicht geratene Körper wird in erster Linie durch die Naturkraft, die in ihm ist, geheilt. Diese Kraft soll der Arzt nur dann unterstützen, wenn die physis zu schwach ist, um sich selbst zu heilen.
Galens Therapien können kurz so zusammengefasst werden: Diät, welche allerdings nicht nur die Ernährung, sondern das gesamte Leben umfasst, also Schlafen/Wachen, Kleidung, Arbeit, kalte/warme Bäder etc.; ableitende Therapien zur Reinigung (Aderlass, Abführen ...); Medikamente (pharmakon), die den Körper bei der Reinigung unterstützen und die Säfte wieder ins Gleichgewicht bringen, das waren vor allem Heilpflanzen, aber auch Zubereitungen aus Mineralien und tierischen Bestandteilen; sowie die Chirurgie, die sich auf Wundbehandlung und "Unfallchirurgie" beschränkte. Kranke Körperteile herauszuschneiden stellte für Galen keine Heilung, sondern eine Verletzung des Körpers dar.
Auch die Stellung der Sterne (Astromedizin) sowie Träume der Patienten (Psychotherapie) spielten in der Diagnose sowie in der Therapie eine wichtige Rolle.
Nach dieser antiken Hochblüte der Medizin bekämpfte und verdrängte das Christentum zunehmend die heidnische Traditionen der Heilkunst. Die TEM wechselte in den arabischen Raum, der zur Zeit der Kreuzzüge in dieser Hinsicht wesentlich weiter entwickelt war als das christliche Europa. Man kannte etwa bereits Heilmittel aus Schimmelpilzkulturen (Penicillin) und komplizierte Operationstechniken.
Avicenna
Abu Ali Ibn Abdillah Ibn Sina, im Westen unter dem Namen Avicenna bekannt, kam 980 in Afschana in der Nähe von Buchara (heute Usbekistan) zur Welt. Sein medizinischer Canon (Qanun fit' tibb') fasst alle zu dieser Epoche bekannten Krankheiten zusammen. Dieser Canon wird für viele Jahrhunderte ein Leitfaden für die praktischen Mediziner werden, auch wenn Avicennas Texte mehr philosophisch als klinisch bedeutsam sind. Das Werk besteht aus fünf Büchern, in welchen die Medizin klassifiziert wird, und zwar in Anatomie, Physiologie, Pathologie, Innere Medizin, Chirurgie, Geburtshilfe, Fieberlehre und Arzneimittellehre. Für Medizinstudenten fasste Avicenna das Werk zu einem Gedicht in 1.326 Knittelversen zusammen. Die erste lateinische Übersetzung besorgte im 12. Jahrhundert der italienischen Gelehrte Gerhard von Cremona, die hebräische Ausgabe erschien 1491. Im islamischen Raum wird Abu Ali Ibn Sina bis heute als einer der wichtigsten Gelehrten verehrt, er gilt als "Fürst der Ärzte". Wie groß sein Ansehen auch im christlichen Abendland war kann man daran ermessen, dass sein Konterfei eines der Fenster des Mailänder Doms ziert.
Avicenna, dem eine Synthese aus antiken Texten und dem Islam gelingt, gilt als einer der bedeutendsten Aristoteles-Kommentatoren des Mittelalters.
Sohn eines Beamten, seit frühester Jugend im Koran und islamischen Recht unterrichtet, studierte Ibn Sina später Mathematik, Physik und Medizin. Mit achtzehn Jahren konnte er seine Studien bereits abschließen, wurde Leibarzt des Samanidenherrschers von Buchara, mit einundzwanzig veröffentlichte er sein erstes philosophisches Werk. Er übersetzte und kommentierte die Werke von Hippokrates und Galen.
Avicenna begann ein Wanderleben, wirkte an persischen Höfen als Arzt, Astronom und politischer Berater. Er wurde Vertrauter des Mächtigen Chirâzi in Djouzdjan. Hier begann er auch, an seinem medizinischen Canon zu arbeiten, bevor er Visir beim Herrscher von Hamadan wurde. Nach verschiedenen politischen Intrigen verhaftet, konnte er flüchten und begab sich 1023 in die Obhut des Prinzen von Isfahan (Persien). Ibn Sina starb 1037 in Hamadan (heute Iran).
Das wichtigste seiner 160 Werke, der Canon medicinae, wurde ins Lateinische übersetzt und dadurch in Europa für einige hundert Jahre zu einem der wichtigsten medizinischen Werke, das die christliche Klostermedizin durch wissenschaftliche Denk- und Verfahrensweise bereicherte. Auch seine philosophische Enzyklopädie "Buch der Genesung der Seele" erlangte großen Einfluss, etwa auf die christliche Scholastik (Albertus Magnus, Thomas von Aquin).
Später etablierten sich zahlreiche arabische Ärzte in Spanien, wo es zu einer Hochblüte von Medizin, Kultur und Baukunst kommt.
Über Spanien und Südfrankreich kam die TEM dann wieder nach Europa zurück.
In Teilen von Frankreich und in der Schweiz ist diese Tradition deshalb immer noch besonders gut verankert. Auch die besten phytotherapeutischen Mittel stammen aus Regionen rund um das Mittelmeer.
Paracelsus
Theophrastus Bombastus von Hohenheim, besser bekannt als Paracelsus, war einer der wichtigsten Heilkundigen in der Geschichte der Traditionellen Europäischen Medizin. Er beeinflusste Homöopathie und anthroposophische Medizin sowie Chemie, Physik und moderne Arzneimittelherstellung. Sein Wissen ist zum größten Teil heute noch so aktuell wie vor 500 Jahren.
Er kam 1493 in Einsiedeln zur Welt, lebte lange Zeit in Kärnten und starb 1541 in Salzburg. Paracelsus war Arzt, Naturforscher und Philosoph, eine ebenso umstrittene wie streitbare Persönlichkeit. Er kritisierte die mittelalterlichen Autoritäten der Medizin ("Geldpfaffen", "Kälberärzte") und berief sich auf Hippokrates. Als Wanderarzt hielt er seine Vorlesungen in deutscher Sprache, weshalb er auch als "Luther der Medizin" bezeichnet wurde, wobei Paracelsus den Papst und Luther gleichermaßen verachtete.
Seine Heilkunde beruht nicht nur auf praktischen wissenschaftlichen Forschungen, Beobachtungen und Experimenten, sondern auf einer Philosophie der Natur.
Das Lebensmotto des Paracelsus lautete "alterius non sit qui suus esse potest" (wer sein eigener Herr sein kann, unterwerfe sich keinem anderen). Daraus ergab sich seine Forderung, Autoritäten nicht blind zu vertrauen, sondern "im Licht der Natur über die Erfahrung (experientia), schließlich zur Erkenntnis (scientia) zu gelangen." Das "Licht der Natur" ist ein Schlüsselbegriff, der im gesamten Werk des Paracelsus eine wichtige Rolle spielt: "Alle Erkenntnis der Welt stammt aus dem Licht der Natur. Dieses Licht reicht vom Sichtbaren zum Unsichtbaren, und im Licht der Natur wird das Unsichtbare sichtbar."
Die hermetische Ausrichtung der paracelsischen Lehre wurde sicher durch die Alchemie mitgeprägt, die der junge Theophrastus von seinem Vater Wilhelm Bombast von Hohenheim, Naturforscher und Alchimist, lernte. Nach der väterlichen "Grundausbildung" studierte Paracelsus in Ferrara Medizin, später besuchte er auch die Universitäten von Wien und Bologna. Allerdings schätzte er das universitäre Leben nicht, verachtete die Lehren der Bücher und widmete sich in einer mehrjährigen Wanderzeit dem Studium der Natur: "Folgt nicht Galen, nicht Rhazes,
folgt nicht eurer Geldgier, nicht eurem Machthunger, euer einziger Schulmeister ist die Natur! Lauscht der Natur, und ihr werdet erkennen, was die Krankheit und was das Heilmittel sei!"
Laut Paracelsus ruht die Heilkunst auf vier Pfeilern: Astronomie, Philosophie, Alchimie und Tugend:
- Die Astronomie betrifft alle himmlischen und kosmischen Ereignisse und beinhaltet auch die Astrologie.
- Die Philosophie stellt in erster Linie die Erkenntnis der Natur dar, die Signaturenlehre sowie die Lehre von den vier Elementen Feuer, Wasser, Erde und Luft, die mit den drei Prinzipien Sulfur (das Beseelte), Mercur (das Vergeistigte) und Sal (das Geformte) in Beziehung stehen.
- Die Alchimie bestand in der Nachahmung und Verfeinerung natürlicher Prozesse im Labor zur Freisetzung des Geistigen in Pflanzen und Steinen (Spagyrik) sowie die Herstellung der Arzneien (Arkana). Diese Arkana entfalten ihre Heilwirkung dadurch, dass durch die Zubereitung das Geistartige der Arznei verstärkt wird.
- Die Tugend (Virtus) war für Paracelsus unentbehrlich für den Arztberuf. Die moralische Integrität des Heilers garantierte erst, dass all sein Wissen nicht hohl oder gar verderblich war. Denn Heilung bedeutet letztendlich Erkenntnis über das Sein, die über die Liebe zum inneren Frieden führt.
Angeblich sagte der sternenkundige Paracelsus seinen Tod auf den Tag genau voraus. Bis heute ist es umstritten, ob Paracelsus eines natürlichen Todes starb, während eines Streithandels tödlich verletzt oder gar ermordet wurde. 1541 wurde er in Salzburg beigesetzt, die Inschrift der ihm gewidmeten Gedenktafel lautet: "Hier liegt begraben Philippus Theophrastus, der berühmte Doctor der Medizin, welcher die schwersten Wunden, Aussatz, Gicht, Wassersucht und andere unheilbare Infektionen in wunderbarer Kunst behob. Alle seine Güter vermachte und vererbte er den Armen und vertauschte am 24. September 1541 sein Leben mit dem Tode."
Das Wesentliche an der Lehre des Paracelsus ist der Versuch, die unsichtbaren Kräfte, die das Leben der gesamten Natur (wie oben, so unten) bestimmen, zu erkennen. Durch diese Erkenntnis wäre es dann auch möglich, die richtigen "Arkana" zu finden und zuzubereiten. Paracelsus´ medizinische Lehre vereint nicht nur die antike Humorallehre, die hermetischen Schriften und die mittelalterliche Klostermedizin, sondern auch Astrologie, Alchemie und " besonders wichtig " die Volksmedizin, der Paracelsus wichtige Erkenntnisse zu verdanken hatte. Hier " in der Weisheit des Volkes " war auch der Zusammenhang zwischen der Welt da oben und jener hier herunten stets tradiert. Paracelsus hat die Astromedizin, wonach der Mensch nicht isoliert vom Universum existiert, perfektioniert und die Analogien zwischen Gestirnen, Pflanzen, Körperteilen und Krankheiten im einzelnen aufgeschlüsselt. Er war dabei nicht "sterngläubig", sondern "sternwissend", weshalb er sich auch dem astrologischen Fatalismus nicht ergab: "Wisset, dass ein weiser Mann das Gestirn regieren und meistern kann und das Gestirn nicht ihn."
Die Astrologie machte für Paracelsus nicht nur die Entstehung von Krankheiten besser verständlich, so sollte auch bei deren Heilung sowie bei der Wahl der richtigen Heilpflanzen oder -mineralien eine wichtige Rolle spielen, sowie beim Zeitpunkt von deren Zubereitung.
Wahrscheinlich aus der Volksheilkunde hatte Paracelsus die Signaturenlehre übernommen und in weiterer Folge ausgefeilt: "Ich habe über 80 Bauern gekannt, die die Kräuter nur wegen ihrer Form und Anatomie mit den Krankheiten verglichen haben, und sie haben vor meinen Augen damit wunderbar und gut geholfen". Als Beispiel für die Anschauung, wonach sowohl der Mensch von einer Krankheit, einem Symptom "gezeichnet" ist, als auch das ihm "sympathische" Heilmittel von ähnlichen Zeichen bestimmte, nannte Paracelsus das Knabenkraut, das zu seiner Zeit als Aphrodisiakum galt: "In dem Kräutlein Satyrion (Knabenkraut) hast du die Hoden als Signatur. Schaue, ob es seine Kraft bei der Hilfe für dieses Glied zeigt, dessen Anatomie und Signatur es beweist." Andere Beispiele wären zum Beispiel die Analogien zwischen Bambus und Wirbelsäule, die eine sichtbare Signatur darstellt. Es gibt aber auch geschmackliche Signaturen, etwa die "gallbitteren" Leber- und Galleheilmittel wie Boldo, Tausengüldenkraut, Beifuß oder Wermut.
Durch ein "sympathisches" Behandeln der Krankheiten erzielte Paracelsus seine größten Erfolge: Ähnliches wird durch Ähnliches geheilt oder Gleiches durch Gleiches. Dabei sind die Ähnlichkeiten und Signaturen so komplex (Merkur-, Sulfur- und Salkrankheiten in ihren Ähnlichkeiten zu Planeten, Persönlichkeitstypen, Heilmitteln etc ...), dass es unmöglich ist, sie an dieser Stelle sinnvoll auseinanderzusetzen. Es sei daher auf die weiterführende Literatur verwiesen.
Rudolf Steiner
Rudolf Steiner wurde am 27. Februar 1861 in Kraljevec (damals Österreich) geboren, er starb am 30. März 1925 in Dornach bei Basel. Er studierte Philosophie und Mathematik in Wien, war später Mitarbeiter an der Weimarer Goethe-Ausgabe (naturwissenschaftliche Schriften Goethes) und trat 1902 der Theosophischen Gesellschaft bei. 1913 sagte er sich von der Theosophie los und gründete die Anthroposophische Gesellschaft. Durch seine umfangreiche Lehrtätigkeit gewann er großen Einfluss auf den unterschiedlichsten Gebieten, etwa der Pädagogik (Waldorfschulen), der Philosophie, Architektur, Landwirtschaft (biodynamische Landwirtschaft), Kunst und Medizin.
1921 taten sich Ärzte und Pharmazeuten zusammen, um nach Steiners Ideen die Firma Weleda zu gründen, die bis heute hervorragende natürliche Heil- und Pflegemittel nach anthroposophischen Kriterien herstellt.
In Steiners umfassender medizinischer Lehre stehen die rhythmischen Funktionen des menschlichen Körpers, die Heilpflanzenkunde, Steinheilkunde sowie hermetisch-philosophische Idee im Mittelpunkt. Er entwickelte Samuel Hahnemanns (1755 bis 1843) homöopathische Schule weiter und versöhnte sie mit den Ansichten des Paracelsus, indem er die Signaturlehre, Astromedizin sowie die Elementenlehre in den Mittelpunkt stellte.
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